Wir leben in einer Wertegesellschaft

Es gilt allgemein die Überzeugung, dass wir in einer Wissensgesellschaft leben, wie die meisten hochentwickelten Länder, – durch Digitalisierung, Bildungsexpansion und Wissensexplosion gekennzeichnet. Doch erleben wir mit Erstaunen und manchmal Entsetzen, wie die Wertegesellschaft die Wissensgesellschaft überrollt und zuweilen ins Absurde abdrängt.

  • Nationalistisch begründete Werteurteile („America first“) bremsen massiv den Welthandel.
  • Illiberale Werteorientierungen (Orban, Kaczyński, Salvini…) hebeln klug ausgewogene liberale, demokratische Grundsätze aus.
  • Subjektivistische Wertehaltungen (Assad, Erdogan, Putin…) führen immer wieder zu Kriegen.

Kaum ein Gebiet des menschlichen Denkens und Handelns ist von so viel Unsicherheit gekennzeichnet, wie das der Werte. Was sind Werte? Welchen Werten sollen und können wir folgen? Wie eignen wir uns Werte an? Wie werden wir mit der ständigen Umwertung aller Werte fertig? Wie setzen wir und wie setzen sich Werte durch, die wir für angemessen halten?

In den unterschiedlichsten Bereichen, ob in Parteien, staatlichen oder anderen politisch wirkenden Organisationen handeln Mitarbeitern von politischen Parteien und Organisationen und weitere politisch Tätige werteorientiert oder entwickeln Werteorientierungen mit. Besonders wichtig und augenfällig ist das auf dem Gebiet der Immigrationspolitik.

Von Unternehmen wird zunehmend eine verantwortungsvolle Unternehmensführung im Einklang mit den sozial-weltanschaulichen Werten von Norm und Gesetz, mit ethisch-moralischen Werten, wie Verantwortung und Respekt gegenüber Mitarbeitern und Gesellschaft und mit Nutzenwerten wie Umwelt- und Klimaschutz und Nachhaltigkeit gefordert und Betrugsdelikte (Geldwäsche, Steuerhinterziehung, Dieselgate) streng geahndet. Eine gezielte Werteentwicklung von Führungskräften wie von Mitarbeitern in Unternehmen und Organisationen ist deshalb dringend geboten.

Besonders wichtig ist das Verständnis von Werten und der Wertegesellschaft bei all den Unternehmen, die sich zentral an wichtigen ethischen-moralischen und sozial-weltanschaulichen Werten orientieren, wie zum Beispiel bei Mitarbeitern von Kirchen, Angehörigen von Armee, Polizei und Katastrophenschutz und von helfende Einrichtungen.

Von der Informationsgesellschaft zur Wissensgesellschaft, von der Wissensgesellschaft zur Kompetenzgesellschaft ist die gesellschaftliche Entwicklung verlaufen, ohne andere Entwicklungsziele, andere Megatrends zu negieren.

  • Die Informationsgesellschaft ist Ausdruck des Megatrends, dass weltweit, vor allem natürlich in den Industriestaaten, messbare Informationen, große Datenmengen, Big Data quantitativ und – nach entsprechender Auswertung – qualitativ immer wichtiger werden. Zum Beweis werden meist Zahlen wie diese ins Feld geführt[1]: 2009 repräsentierte das Internet etwa 500 Exabytes oder ein halbes Zetabyte. 2015 wurden bis zu 8 Zetabyte Daten, alle Speichermedien ein bezogen, weltweit gespeichert, für 2020 werden ca. 40 Zetabyte erwartet. Tendenz exponentiell zunehmend. Dieser Megatrend ist kaum zu bezweifeln. Doch sagt die Feststellung noch nichts darüber aus, was mit dieser explodierenden Fülle von Informationen geschieht. Landet sie in Datenfriedhöfen, in Datenbanken und Clouds unvorstellbaren Ausmaßes? Oder wird sie zur Feststellung sozialer Entwicklungen gebraucht, auch missbraucht? Finden die Gesellschaften endlich Wege, Problemsituationen, Fehlentwicklungen, Katastrophen vorherzusehen und vorab zu bekämpfen?
  • Die Wissensgesellschaft kennzeichnet den Megatrend der kulturellen Einbindung aller Informationen in ein Netz von Wissen und Meinen, Verifizieren, Werten und Verwerten. Wissen, besonders wissenschaftliches Wissen, wird zur Schlüsselressource, Bildung zur Bedingung für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Das schließt die Fähigkeit zur Teilnahme an der gesellschaftlichen Verständigung über die Richtung und die Grenzen des wissenschaftlichen und technologischen Fortschritts ein. Die Wissensgesellschaft eröffnet eine Perspektive, die auf den Willen und die Befähigung der Menschen zu Selbstbestimmung setzt – ganz im Gegensatz zum technizistischen Begriff der Informationsgesellschaft. Nicht Rechnerleistungen und Miniaturisierung werden die Qualität der künftigen gesellschaftlichen Entwicklung bestimmen. Entscheidend werden die Auswahl des Nützlichen und die Fähigkeit zum Aushalten von Ambivalenzen und Unsicherheit sein, die Gestaltung des Zugangs zu Wissen und der fehlerfreundliche Umgang mit dem Nichtwissen.
  • Die Kompetenzgesellschaft als sozialer Megatrend ist mit dem Bestehen auf dem Willen und der Befähigung der Menschen zur Selbstbestimmung die konsequente Folge der Wissensgesellschaft. Im Vordergrund steht nun die Befähigung, auf der Grundlage und mithilfe seines Wissens selbstbestimmt, selbstorganisiert, kreativ und innovativ zu handeln. Dies setzt jedoch zwingend Werte voraus.

„Werte sind die Kerne von Kompetenzen“. Der Satz besagt etwas zugleich Triviales und Umstürzendes. Wir können noch so viel Informationen und Sachwissen anhäufen, noch so viele Erfahrungen sammeln, für unser Handeln sind letztlich immer verinnerlichte Wertungen, Werte der persönlichen, menschlichen, sozialen, kulturellen, religiösen, politischen Situation entscheidend, in der wir handeln. Deshalb leben wir heute in einer Wertegesellschaft. Alle gegenwärtigen Probleme, die mit Wertedifferenzen,  Werteauseinandersetzungen, Wertekämpfen zusammenhängen – seien es um scheinbar hedonistische Werte wie Kleidungs- oder Nahrungsvorschriften geführte, seien es kulturell oder religiös gesetzte, seien es politische um Demokratie oder Diktatur, Kapitalismus oder Restsozialismus ausgetragene -, wirken direkt in unser alltägliches Handeln und damit in unsere Kompetenzen zurück. Um angesichts der digtialen Transformation zu bestehen, braucht es gewiss immer mehr Daten, Informationen, Wissen, Erfahrungen – vor allem aber akzeptierte Werte, Überzeugungen, unabhängiges Denken, Teamwork, Mitgefühl die in unsere Kompetenzen einfließen. Es bedarf einer Wertegesellschaft, die der Kompetenzgesellschaft zur Seite steht.

Werte sind nicht willkürlich, sie werden in sozialhistorischen Prozessen und Auseinandersetzungen selbstorganisativ erarbeitet, werden schließlich akzeptiert und vielleicht irgendwann verworfen, sie sind in Geltung, wie man einst sagte, aber sie sind nie wahr oder falsch. Sie sind Handlungen und Situationen angemessen – oder auch nicht. Das lässt sich erst nach deren Wirksamwerden entscheiden.  Wer behauptet, über wahre Werte zu verfügen, will sie durchsetzen, oder betrügen.

Die Verinnerlichung, die Interiorisation von Werten, ihre Umwandlung in eigene Emotionen und Motivationen wird zum Zentrum jeder gezielter Werteentwicklung, ohne sie sind Werte wertlos. Werteerziehung durch „Belehrung“ bewirkt deshalb keine Einstellungs- und Verhaltensänderung. Zuweilen verbessert sich die Haltung zu ihrer Institution, aber nicht die Sicherheit im Umgang mit werterelevanten Entscheidungen.

Voraussetzung für die gezielte Werteentwicklung ist eine professionelle Werteerfassung, auf deren Basis die Menschen, Teams oder Organisationen ihre individuellen Werteziele definieren. Die gezielte Werteentwicklung kann nur über widersprüchliche, emotional anrührende, „labilisierende“ Situationen erfolgen. Das können alltägliche, aber auch massive Konflikte, Transferaufgaben, Forschungsaufträge, Praxisprojekte und andere Herausforderungen im Alltag wie am Arbeitsplatz sein. Deshalb ist es so wichtig, dem Handeln, der Praxis den höchsten Stellenwert bei der Entwicklung von Werten, und damit von Mitarbeitern, Teams und Organisationen, zuzuschreiben. Wo keine emotionale Berührung, keine emotionale „Labilisierung“ stattfindet, entwickeln sich keine Werte.

[1] Mit einen Byte können 256 verschiedene Kombinationen dargestellt werden. Festplattenhersteller geben zur Berechnung der Kapazitäten oft gerundete Größen an: 1000 Byte=1 Kilobyte (KB), 1000 KB=1 Megabyte (MB) usf.„1 Zetabyte=1.000.000.000.000.000.000.000 Byte. nach: http://www.speicher- guide.de/wissen/glossar/z/zettabyte,-zetabyte,-zbyte-8396.aspx.“

 

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