Die Politik entdeckt mal wieder die Bildung – aber wie?

Die Bundesregierung, vertreten durch das Arbeits-, das Wirtschafts- sowie das Bildungs- und Forschungsministerium, hat eine Nationale Weiterbildungsstrategie definiert. Dabei ist es den Beamten in diesen Amtsstuben gelungen, die Entwicklungen des Corporate Learning in den vergangenen zwei bis drei Jahrzehnten völlig zu ignorieren.

Wenn wir die aktuellen Entwicklungen im Corporate Learning mit Experten aus der Wirtschaft diskutieren, z. B. im Rahmen der Corporate Learning Camps, besteht zwischenzeitlich Einigkeit darüber, dass wir in den Unternehmen Lernsysteme benötigen, die nicht mehr Wissens- und Qualifikationsorientiert sind, sondern Werte und Kompetenzen der Mitarbeiter zum Ziel haben. Dies hat zur Folge, dass Lernen in den Unternehmen nicht mehr angebotsorientiert und fremdgesteuert über Seminare oder reines E-Learning gestaltet werden kann, sondern bedarfsorientiert im Prozess der Arbeit, organisiert durch die Mitarbeiter selbst erfolgt.

Corporate Learning sieht deshalb die Mitarbeiter heute als selbstorganisierte Wesen, die ihre personalisierte Lernstrategie entwickeln und umsetzen. Die Beamten in diesen drei Ministerien sind aber offensichtlich immer noch der Meinung, dass sie dazu nicht in der Lage sind.

Die Nationale Weiterbildungsstrategie erzeugt nostalgische Empfindungen, weil die Sprache und die „Rezepte“, die festgelegt wurden, aus der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts stammen. Die gleichen Empfehlungen, die damals schon nicht funktioniert haben, werden wieder propagiert. Berufliche Weiterbildung wird dabei ausschließlich angebotsorientiert, als die Fortsetzung oder Wiederaufnahme strukturierten Lernens nach dem Ende einer ersten Bildungsphase und Aufnahme einer Erwerbstätigkeit definiert.

Qualifizierungsmaßnahmen sollen dazu beitragen, die Innovations- und Anpassungsfähigkeit in der digitalen Transformation zu verbessern. Daraus sollen im internationalen Wettbewerb elementare Standortvorteile entstehen und gesamtwirtschaftlich mehr Wachstum und Wohlstand geschaffen werden. Wie dies mit reiner Qualifizierung geschehen soll, wird nicht gesagt. Wo bleibt  der gezielte Aufbau der Fähigkeiten, heute noch nicht bekannte Herausforderungen selbstorganisiert zu bewältigen, also Kompetenzen?

Dagegen wimmelt es von Vorschlägen über Weiterbildungskataloge, Fördermöglichkeiten, Qualifizierungsberatung (zur Auswahl der Bildungsangebote), tarifliche Regelungen zur Qualifizierung, Sichtbarmachung von Abschlüssen  und Entwicklung neuer Abschlüsse. Seminaranbieter werden sich über weitere Fördermaßnahmen freuen können, viele Gremien werden regelmäßig tagen und dicke Papiere entwickeln, die nichts bewirken. Die tradierten und ineffizienten Bildungsstrukturen werden zementiert.

Die CDU hat nun gemeinsam mit Masterplan.com, der Plattform für lebenslanges Lernen, ein Programm für digitale Weiterbildung entwickelt. Der rund 8-stündige Kurs zur Digitalisierung soll als Vorbild für das bundesweite Weiterbildungsangebot MILLA (Modulares Interaktives Lebensbegleitendes Lernen für Alle) dienen. Für das zunächst parteiinterne Pilotprojekt hat die CDU gemeinsam mit dem Bochumer Unternehmen neue Video-Inhalte produziert, die das herkömmliche Masterplan-Angebot ergänzen. Auch dieses Angebot beschränkt sich auf den Wissensaufbau.

Auch die FDP will mal wieder die Weiterbildung reformieren. Zur Stärkung des lebens- und arbeitsbegleitenden Lernens muss nach Ansicht der FDP deshalb ein zweites Bildungssystem geschaffen werden, das Menschen jedes Alters, jeder beruflichen Ausrichtung und jeder Arbeitserfahrung neue Bildungschancen und -möglichkeiten eröffnet. Aber auch hier landen wir wieder bei den alten Rezepten. Mit einem “Midlife-Bafög”, mit speziellen Bildungskonten und einer Online-Plattform für Weiterbildungsangebote wollen sie das lebenslange Lernen fördern.

Bundes- oder europaweite wird eine digitale Weiterbildungsplattform gefordert, die als erste Anlaufstelle den gesamten Weiterbildungsmarkt umfasst, individuelle Kursempfehlungen ausspricht und die Buchung von Bildungsangeboten unmittelbar mit öffentlichen Fördermöglichkeiten verknüpft. Also die gleiche Tendenz, Kompetenzentwicklung im Prozess der Arbeit kommt auch hier nicht vor. Zumindest das Menschenbild der FDP unterscheidet sich von der Regierung. Sie wollen den Zugang für lebenslanges Lernen in die Hände jedes einzelnen Menschen geben und unbürokratische Strukturen schaffen, die das ermöglichen.

Wann erkennen die Verantwortlichen in diesen Ministerien endlich, dass es nicht darum geht, die Angebotskataloge digital gestützt zu optimieren, sondern Lernrahmen zu schaffen, die es den Mitarbeitern ermöglichen, ihre Werte- und Kompetenzentwicklung selbstorganisiert zu gestalten? Schließlich wissen die Mitarbeiter am besten, was sie benötigen.

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